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Auswandern? Nein, nach Hause kommen.

Aare bei Gösgen Kanton Solothurn (Foto Verena Kohler)

Eine Geschichte übers Weggehen und Heimkommen

Auf der Über-Seite steht es schon: Geboren worden bin ich in der Schweiz, als Tochter einer Österreicherin und eines Schweizers.
Mitte der 50er-Jahre warben Schweizer Firmen in Österreich Arbeitskräfte an, darunter auch die Weberei Gugelmann in Roggwil im Kanton Bern. Eine der jungen Frauen aus Niederösterreich, die dem Ruf folgten, war meine Mutter Erna. Mit ihr auch Bekannte. Ich meine mich zu erinnern, dass auch Schulkameraden von Mueti bei Gugelmann Anstellung fanden und im Kanton Aargau Wohnsitz nahmen. Soweit die familiäre Überlieferung. 

Es erging meiner Mutter wie vielen anderen “Gastarbeiterinnen” auch. Sie lernte einen Mann kennen und blieb hängen. Für uns Kinder lernte sie für die Prüfung für den Schweizer Pass und konvertierte vom katholischen zum reformierten Glauben. Allerdings gab es mich da noch nicht, da ich lange nach den älteren Geschwistern eintraf.
Ich erinnere mich, dass sie gerne nach Hause gegangen wäre. Anfangs sagte sie das laut – je nachdem, wer anwesend war – und mit der Zeit redete sie nicht mehr darüber. 

Sie wohnte mit meinem Vater und meinen Geschwistern direkt an der Aare und sie erzählte mir vor langer Zeit, wie sehr sie lachen musste, als sie diese Aare zum ersten Mal sah. Jemand von der Fabrik hatte sie mitgenommen, um ihr den “großen” Fluß in Wynau zu zeigen. Meine Mutter rechnete mit einem Gewässer in der Größenordnung der Donau, was dann nicht zutraf. Die Aare ist größenmäßig zwischen Donau und Ybbs.

Mein Mueti Erna war eine sehr vielseitige, geschickte Frau und der tierliebendste Mensch, den ich je kennenlernte. Naturliebend trifft’s noch besser. Egal, was es war, Tier oder Pflanze, solange noch ein Hauch Leben drin steckte, brachte sie es wieder auf die Beine. Ich bin tatsächlich in einer Tierpflegestation aufgewachsen. Meine Mutter war über 50, als sie die Tierpflegerausbildung absolvierte, um nicht für jede Spritze zum Tierarzt rennen zu müssen. Da sie selber nicht Auto fuhr, musste sie jedes Mal eine Mitfahrgelegenheit auftreiben. Manchmal waren so viele Igel und Vögel gleichzeitig im Haus, dass mein Vater fand, es sei dann bald genug. 

Ich erinnere mich an Fledermäuse, Marder, Spatzen und und und. Viele Jahre lang war meine Mutter in unserer Region DIE Adresse, wenn jemand ein verletztes Tier fand und nicht wusste, wohin damit. 

Charakteristisch für sie ist diese Geschichte: Am Abend vor dem Aufbruch ins Konfirmandenlager sah ich eine große, fette Spinne über den Küchenboden huschen. Keine Ahnung wieso, aber ich fing das Tierchen ein, steckte es in ein großes Marmeladenglas und machte es mit einem Stück Vorhang zu. Stellte es auf den Küchentisch, dazu ein Blatt “Das ist Jonathan. Bitte füttern”.
Am anderen Tag reiste ich ins Konflager. Als ich Ende Woche nach Hause kam, hatte “Jonathan” eine Schicht Erde, etliche Äste und einen Kokon im Glas. Gefüttert hat “ihn” meine Mutter mit Mehlwürmern. Die Mehrheit der Mütter würde in Ohnmacht fallen, wenn ihr Kind Spinne mit Fütterungsauftrag auf den Tisch stellt. Nicht so die meine. 

Geendet hat diese Geschichte mit dem Freilassen der Madame Jonathan und ihrer unzähligen Spinnenkinderchen. 

Bei uns daheim gab es keinen Unterschied zwischen Menschenkindern und Tieren. So hat sich das jedenfalls angefühlt. Vielleicht war es bei den älteren Geschwistern noch anders, aber während meiner Jugend war immer klar: Tier ist gleichwertig wie Mensch. 

Und genau so sehe ich das auch. So behandle ich meine Tiere, die Tiere meiner Kunden und Freunde und die wild lebenden, denn mir wurde das so vorgelebt und beigebracht. Das ist die Überzeugung, mit der ich Ihren Tieren begegne und ich fahre gut damit. 

Für meine Mutter war’s irgendwann zu spät, um zurückzukehren. An ihrer Stelle tue ich das jetzt. Ich kehre heim in die Heimat Österreich und ich bringe im Herzen die Seele meiner Mutter nach Hause und ganz viel Liebe für Lieblingsmenschen und Tiere. Ich freue mich riesig aufs Mostviertel, auf die vielen neuen Menschen und aufs Essen à la Mueti. Anders als für Erna im Februar 1956 ist es für mich kein Weggehen vom Vaterland, sondern ein Heimkehren ins Mutterland. 

Ich verspreche Ihnen an dieser Stelle, dass ich mich um Ihre Tiere so gut kümmere, wie meine Mutter es getan hätte.

Die Frage „Warum gehst du nach Österreich?“ ist ja immer noch nicht beantwortet … Ich versuch’s so: Es gibt den richtigen Platz und den nicht so richtigen Platz im Leben 😉 

♥ Meine Mutter Erna Kohler-Bauer, geboren 1935 in Traismauer ♥. Langjährige „Igelstation“ in Wynau BE in der Schweiz. Foto bva (Danke!). Aufnahme aus dem Jahr 2010.
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