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Die Eremitage – Der Palast der Katzen

Thron in der Eremitage in St. Petersburg, RF. Foto Verena Kohler

Nach etwas über einem Jahr Russischunterricht entschied ich mich 2016, Russlandurlaub zu machen. Im Juni war es so weit. Meine Reisegruppe bestand aus mir und wurde deswegen mit einer anderen Mini-Gruppe zusammengelegt.
Gebucht hatte ich 5 Tage St. Petersburg. Wenn ich mich richtig erinnere, hieß das Arrangement „Weiße Nächte von St. Petersburg“ oder so ähnlich. Piter (so wird die Stadt landesintern gern genannt) liegt sehr weit nördlich, was dazu führt, dass von Ende Mai bis Mitte Juli die Sonne nie ganz untergeht. Ich wachte denn auch an meinem ersten Morgen im Hotel Dostoevsky auf und erschrak. Sehr gut, am ersten Tag schon verpennt, was mir alle zehn Jahre passiert. Durfte dann aber feststellen, dass drei Uhr am Morgen war. So kann der Laie sich irren.

Ich kann mich gar nicht mehr an die Reihenfolge erinnern, in der wir diverse Sehenswürdigkeiten besuchten. Eindrücklich waren sie alle, inklusive der Ausflug in ein Restaurant, wo klar bewiesen wurde, dass die Mischung aus österreicher und Schweizer Genen die Franzosen locker unter den Tisch bechert, wenn es nötig ist. Alles eine Frage der Technik und der Unterlage 😉

Kleine Reiseempfehlung

Übrigens kann ich das Reiseziel St. Petersburg wirklich empfehlen. Es ist irrsinnig schön und die Einheimischen sind nett. Was man keinesfalls erwarten darf, ist ein freundliches Lächeln eines Polizisten. Hab’s versucht, als ich einen nach dem Weg fragte. So eine konsequente Lmaa-Schnute sieht man echt selten. Aber er hat immerhin mit dem Arm eineinhalb Sekunden in die benötigte Richtung gefuchtelt und damit war mir schon gedient.

Bettler hat es wenige und wenn doch, sind sie aufdringlich. Nicht die Einheimischen, die irgendwo am Boden sitzen und auf Zustupf warten. Aber die Fahrenden in wehenden Röcken und mit Kindern im Gefolge. Freundlichkeit bringt gar nichts, um die loszuwerden. Wen die ins Visier genommen haben, dem sei angeraten, sie laut des Weges zu weisen. Da die bei den Russen unbeliebt sind, kann man auch auf Hilfe von Passanten hoffen.
Als ich derartiges Gesindel an der Backe hatte, hat der Taxifahrer einige Meter weiter hinten diskret geguckt, ob es was zu tun gibt. Aber ich sagte ja schon, dass ich da schon ein Jahr lang Russisch gelernt hatte. Was lernt man am leichtesten? Richtig, Schimpfwörter. Die penetrante Bettlerin hat sich nach meiner Darbietung mit ihrer Brut verzogen und der Taxist nickte zufrieden.

Ansonsten war das persönliche Sicherheitsgefühl jederzeit sehr gut. Besser als an manchen Schweizer Bahnhöfen. Ich war oft alleine unterwegs und hatte nie Angst.

Der Winterpalast

Foto Verena Kohler

Keine Touristenreise nach St. Petersburg ohne Besuch der Eremitage. Nicht nur Ausländer sind von dem zum Museum umfunktionierten Palast beeindruckt. Ich kenne Russen, die immer wieder gern einige Tage in diese besondere Stadt fahren.
So stand auch ich mit der anderen Reisegruppe eines Tages vor dem Winterpalast. Bevor wir angesichts der enormen Menschenmenge aufjaulen konnten, hatte uns unsere Reiseführerin Liudmilla schon energisch zwischen denen hindurch bugsiert, die noch kein Ticket hatten.

Und dann führte sie uns schier ewig durch das Gebäude und erzählte in perfektem Deutsch, was es zu erzählen gab. Jetzt kommt’s, weswegen ich davon im Ratz und Katz-Blog schreibe: Beiläufig erwähnte unsere Liudmilla, dass in der Eremitage Katzen leben. Nicht nur zwei, drei. So um die 70 bis 80 sind es je nach Quelle – wobei die offizielle Limite bei 50 Tieren liegt – und sie wohnen dort nicht einfach nur, sie arbeiten als Mäusejäger. Was ich persönlich grässlich finde, da ich Mäuslein über alles liebe, aber eine Katze ist nun mal eine Katze und vielleicht ist es wirklich schade, wenn die Nagerchen unersetzbare Gemälde in Nistmaterial verwandeln (ursprünglich ging es darum, die Palastwände nicht löchern zu lassen von den süßen Kleinen).
Zu Gesicht bekamen wir beim Museumsbesuch natürlich keine der Eremitagekatzen. Aber die Info ist mir geblieben und ich gucke seither immer mal wieder auf Youtube oder bei anderen Quellen, ob es was Neues gibt dazu.

Die Katzen der Eremitage

Seit der Errichtung des Gebäudes sollen auf dem Territorium offiziell Katzen gehalten worden sein. Das wäre jetzt ungefähr 300 Jahre her. Herrscherin Katharina l. hat Katzen nicht gemocht, aber um den Palast vor der Zerstörung durch Mäuse und Ratten 🐭🐭🐭 zu schützen, liess sie Katzen aus Kasan herbeischaffen, die sich offenbar als besonders gute Jäger zeigten.
Von Ekaterina Petrovna erhielten sie den Status „Wächter der Bildergalerien“ und wurden in die zwei Klassen Hofkatzen und Innenkatzen eingeteilt.

Während der leidvollen Zeit der Leningrader Blockade starben alle Katzen (die Leute hatten schlicht nichts anderes mehr zu essen, dürfte die Wahrheit sein …) und der Winterpalast wurde förmlich mit Ratten überflutet. 1941 wurden Kunstwerke nach Swerdlowsk (heute Ekaterinburg) in Sicherheit gebracht. Nach Kriegsende verbrachte man 5000 Katzen nach St. Petersburg (das damals gerade Leningrad hieß), was die Ratten massiv dezimierte.

In den 1960 artete die Katzenpopulation in der Eremitage aus. Die Tiere vergrößerten ihr Revier bis in die Gänge und Hallen mit den Ausstellungsstücken und wurden daraufhin entlassen, wie auch immer man sich das vorstellen soll. Da das Beseitigen der Ratten mittels Gift keine akzeptable Lösung war, wurden nach kurzer Zeit erneut Katzen in den Dienst genommen.

Katzenleben im Winterpalast

Alle Katzen werden sterilisiert. Immer wieder werden verstorbene oder auf andere Weise abhanden gekommene Tiere durch Streuner ersetzt. Jede Mieze hat ihre Veterinärkarte und ihren Pass und zählt offiziell als „qualifizierte Fachkraft für die Reinigung von Museumskellern von Ratten“.
Sie dürfen sich auf dem Eremitage-Gelände frei bewegen, abgesehen von den Museumssälen. Die immense Kelleranlage mit einer Gesamtlänge von gegen 20 Kilometern wird „großer Katzenkeller“ genannt. Hier leben und arbeiten die Raubtierchen. Für sie wurden zusätzliche Durchschlupfe eingebaut. Es herrscht Katzenwohlfühltemperatur und es ist schön trocken. Im Sommer haben sie Zugang zu Höfen und Rasenflächen.

Dass so viele Katzen Unmengen an Ressourcen verschlingen, liegt auf der Hand. Das Museum hat offenbar kein Konto Unterhalt Museumskatzen in der Buchhaltung, denn Aufwand wird angeblich nicht budgetiert. Das Ganze wird mit Spendengeldern finanziert. Aber es gibt ein „Wohltätigkeitskonto“ für die eingegangenen Spenden und diese Mittel dürfen nur für die Tiere verwendet werden.

Katzen, Katzen, Katzen

In Vsevolozhsk, das eine halbe Autostunde von St. Petersburg entfernt liegt, befindet sich ein Katzenmuseum, in welchem mehrere Katzen aus der Eremitage leben. In diesem Museum befindet sich eine Ausstellung, die die Historie der Eremitage-Katzen thematisiert. Russische Homepage des Museums (Bildergalerie): https://muzej-koshki.ru/gallery (wuah, dort hat’s übel viel Kitsch).

St. Petersburg selber beheimatet das Katzenkaffee „Republik der Katzen“: https://www.catsrepublic.ru/. Wer nicht Russisch kann, hat auch auf dieser Homepage keine Chance, da sie nicht in anderen Sprachen angeboten wird. Aber es hat Bilder für einige Eindrücke und zuunterst an der Seite befindet sich die Ausgabe der Webcam, die ab und zu funktioniert. Ich habe einen Bekannten aus Ekaterinburg, der mehrmals im Jahr extra wegen der Republik der Katzen mit dem Zug nach Piter fährt, um einige Stunden lang Tee zu trinken und Miezen zu streicheln. Ist ja nur etwas mehr als eine Tagesreise, das darf man als Katzenfreund ruhig in Kauf nehmen.
Auch dieses Kaffee nimmt regelmäßig Katzen aus der Eremitage auf. Sie werden an neue Besitzer vermittelt, die allerdings etliche Auflagen erfüllen müssen.

Es gibt auch eine Homepage hermitagecats.ru. Die Seite ist sehr einfach und ich finde keine Möglichkeit, sie in einer anderen Sprache als Russisch anzeigen zu lassen. Andererseits ist das richtig so, denn es geht darum, dass Katzen ein neues Daheim finden sollen und sie ins Ausland abzugeben, während dort „eigene“ ungewollte Miezen kein Zuhause finden, wäre sinnfrei.
Aktuell hat die Seite vier Reiter: Главная = Start, Коты = Kater, Кошки = Katzen, Котята = Welpen. Was ihr auch ohne mich rausgefunden hättet. Die Webseite ist zum Vermitteln von herrenlosen Katzen gedacht.

Tag der Eremitage-Katzen

Jeden Frühling gibt es den Tag der Eremitage-Katzen. An diesem Tag dürfen die Besucher die Wohnräumlichkeiten der Katzen besichtigen. Es werden Katzenausstellungen organisiert. Dieser Feiertag ist nicht nur „für die Katz“, die Gelegenheit soll genutzt werden, um Kindern Kunst nahezubringen. Dazu werden Wettbewerbe, Spiele etc. angeboten. Der Feiertag, der seit 2011 offiziell in der Museumsagenda steht, findet jeweils im April oder Anfang Mai statt.

Die Eremitage – das Museum

Die offizielle Homepage der Eremitage gibt es Russisch und Englisch. Sogar für Menschen, die mit Kunst nicht sooo viel anfangen können, dürften die Kunstgegenstände und alleine schon die Gebäude viel Augenschmaus bieten. Bei uns im Westen geht gern vergessen, dass die Eremitage eines der bedeutendsten und größsten Museen überhaupt ist.

Auf Youtube hat das Museum selber diverse Videos auf einem eigenen Kanal. Darunter die faszinierende Pfauenuhr. Dieses KUNST-HAND-Werk ist wirklich beeindruckend, allerdings ist zu sagen, dass man in diesem Video weitaus mehr sieht als direkt vor der Vitrine. Es herrscht ein derartiges Geschubse unter den Besuchern, dass man keine Zeit hat, den Zeitmesser richtig zu genießen. In Nichtpandemiezeiten wenigstens.

Alle Fotos von Verena Kohler



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